09. März 2026: Ein Vakuum der Leere

Ich denke ich habe das Bedürfnis, diese Geschichte einmal niederzuschreiben, weil ich sie nur wenigen Personen erzählt habe. Ich will mich nicht erklären, ich erwarte kein Verständnis. Manche Menschen verstehen, warum ich so gehandelt habe. Andere können es nicht nachvollziehen, verurteilen mich trotzdem nicht, begegnen mir mit Liebe und Mitgefühl, weil sie mich kennen, mich lieben. Sie wissen, dass ich kein böser Mensch bin, der absichtlich anderen weh tut. Im Gegenteil, ich versuche anderen zu helfen, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Aber das wichtigste ist: ICH weiss, dass ich kein böser Mensch bin. Ich habe einen Fehler gemacht, denn ich habe jemandem weh getan, den ich liebe. Einer Freundin. Einer Freundin, die bis heute die Geschichte nicht wirklich kennt, denn sie hat sich, als James ihr davon erzählte, sofort eine eigene Geschichte kreiert. Eine, in der ich die Böse bin. In der ich es auf ihren Partner abgesehen habe. Eine Geschichte, in der ich seit Jahren ihr Leben beneidete und ihr alles nehmen wollte. In Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall. Ich bemitleidete sie für ihre Lebenssituation, vor allem ihre Beziehung, in der sie und James beide so unglücklich waren.

Ich weiss auch, warum sie diese Version der Geschichte für sich kreierte. Es tut weniger weh, denn James wollte sie nicht verlieren. So lange ich die Böse war, die ihren Mann mit allen Mitteln verführte, während er, der treue liebevolle Partner sich so lange gegen meine Verführung wehrte, bis er nicht mehr konnte. Er war quasi das Opfer, sie auch. Ich der Täter.

Als das alles passierte, las ich das Buch „Was Liebe aushält“ von Esther Perel. Ich wollte verstehen, warum Menschen eine Affäre eingingen. Ich wollte mich selbst verstehen, wo ich doch so sicher war, dass ich selbst niemals in so einer Situation landen würde. Esther beschrieb genau das in ihrem Buch: Die meisten Frauen geben der anderen Frau die Schuld, weil es den Schmerz erträglicher macht. Ich wollte Lena’s Schmerz nicht noch grösser machen.

Da ich wusste, dass es sie noch mehr verletzten würde die Wahrheit zu erfahren, behielt ich sie für mich. Als Lena es erfuhr, informierte sie innerhalb von wenigen Minuten alle unsere Freunde. James und ich hatten nie vor es vor ihr geheim zu halten. Wir hatten niemals vor eine Affäre einzugehen. Ich glaube es hat ihn genauso überkommen wie mich. Auch er hat das niemals geplant oder gewollt. Wir wussten, dass sie es jedem sagen würde und so war ich darauf vorbereitet. Und es war ok für mich. Ich bin kein mensch, der in Geheimnissen lebt. Mir bedeutet Authentizität sehr viel, bei anderen Menschen und bei mir selbst. Für mich gibt es nichts anstrengenderes als in Lügen und Fassaden zu leben. Ich lebe lieber in Ablehnung als in Geheimnissen. Aber ich wollte Lena gegenüber in dieser Sache so respektvoll wie es den Umständen entsprechend noch möglich war umzugehen. Also begann ich nicht meine Version der Geschichte zu erzählen. Sie fragte auch nie danach. Also schwieg ich.

Vielleicht habe ich deshalb entschieden diese Geschichte aufzuschreiben. Denn ich habe das Gefühl sie lebt wie ein Geheimnis in mir und möchte aus mir raus. Auch wenn sie niemand hört oder liest, so soll sie doch wenigstens aus mir heraus dürfen.

Im Grunde geht es nicht darum einen Schuldigen zu suchen oder die ganze Geschichte in Einzelheiten zu zerlegen. Für mich ist entscheidend, warum ich das zugelassen habe, was mich dazu getrieben hat. Warum habe ich etwas getan, dass gegen mein eigenes Wertesystem geht? Was kann ich daraus lernen? Wie kann ich daran wachsen, anstatt in Schuld- und Schamgefühlen unterzugehen?
Affären sind bis heute das grösste Tabuthema überhaupt, doch sie passieren überall und das schon seit es die Monogamie gibt.

Ich bin der absoluten Überzeugung, dass alles aus einem Grund passiert. Dass alles FÜR uns passiert, damit wir daraus lernen und daran wachsen können. Für mich besteht also der erste Schritt darin zu verstehen, was mich dazu getrieben hat.

Darüber habe ich mir sehr, sehr viele Gedanken gemacht. Ich bin ein sehr reflektierter Mensch und ich kenne mein Innenleben, meine Vergangenheit, meine Glaubenssätze sehr gut. Ich glaube zum heutigen Zeitpunkt, dass es verschiedene Aspekte waren, die hier zusammengespielt haben:

Zum einen – und ich denke das war der grösste Antrieb – ist es mein Bedürfnis danach gehalten zu werden. Ich halte jeden und alles in meinem Leben. Doch ich habe kaum jemanden, der mich hält. James hat mich gehalten. Er war seit sehr langer Zeit der erste Mann, der mich wirklich gehalten hat. In allen Hinsichten. Das habe ich auch heute wieder gemerkt, als ich einen Streit mit meinem Ex-Mann, dem Vater unserer Tochter hatte. Ich habe geweint, ich fühlte mich nicht gesehen, keinerlei Anerkennung für das, was ich als Mutter täglich leiste. Als ich weinend dieses Gespräch verlies, war mein Bedürfnis James zu sehen sehr stark. Und das obwohl ich ihn losgelassen habe, auch emotional. Ich wollte gar nicht zu ihm zurück. Ich wollte in diesem Moment nur bei ihm sein, ich wollte, dass er mich umarmt, mich hält, mich sieht, mich versteht. Ich wusste, er würde mich sehen, mich verstehen, mich halten. Denn das hat er in diesen 2 Monaten immer getan. Ich habe mich gesehen gefühlt, mich verstanden gefühlt, mich gehalten gefühlt. Während der Affäre habe ich mich oft gefragt, ob dies wohl ein Zustand sei, der langfristig anhalten würde, nehmen wir an, wir wären eine Beziehung eingegangen. Meine Intuition sagte mir immer, dass er das nicht langfristig könnte. Dass es ein Zustand des Verliebt-Seins ist.
Meine Intuition ist sehr präzise und meine Kommunikation zu meinem Seelenteam, meinem höheren Selbst und Gott immer sehr klar. Ich fragte mein Seelenteam schon während der Affäre oft, ob er „der Eine“ sei. Und ich bekam immer die Antwort „Nein. Er ist ein Übergangsmann. Ein Mann, durch den du lernen sollst, durch den du wachsen sollst.“ Aber das starke Gefühl der Liebe, das ich zu James damals empfand, war stärker als die Worte meiner Geistführer.

Heute frage ich mich oft, ob die Liebe zu ihm echt war. Ich denke das war sie. Zumindest fühlt sich das heute noch echt an. Ich habe ihn zwar losgelassen, ich leide nicht am Vermissen. Und trotzdem spüre ich, dass die Liebe zwischen uns echt war. Dass die Verbindung echt war. Wir waren nur nie füreinander bestimmt.
Dass ich ihn so „leicht“ und „schnell“ loslassen konnte lag wohl zum einen daran, dass ich mittlerweile einfach geübt darin bin Vergangenes loszulassen, mich und meine Gefühle gut zu halten und zu begleiten, ohne darin unterzugehen. Ich habe so viel innere Arbeit geleistet, dass ich emotional stabiler geworden bin.
Zum anderen ging es schnell, weil klar war, dass unsere Liebe keinerlei Zukunft hat. „Liebe alleine reicht nicht aus.“ sagte James. Und er hat recht.

Trotzdem bin ich kein emotionsloser Mensch, ganz im Gegenteil. Ich fühle sehr tief und sehr intensiv. Ich erlaube mir zu fühlen. Gleichzeitig muss ich mein leben weiterführen. Ich habe eine Tochter und muss meiner Arbeit weiterhin nachgehen. Beides fällt mir allerdings recht schwer. Der Umgang und die Beziehung zu meiner Tochter ist sehr stabil. Das Mutter-Sein liegt mir einfach, es ist meine Bestimmung.
Doch auf meine Arbeit wirkt sich diese ganze Situation gerade sehr stark aus. So stark, dass es mich in ein finanzielles Loch gerissen hat. Seit wir die Affäre beendet haben ist meine Reichweite auf 10% gefallen, die Umsätze reichen gerade noch so, um meine Fixkosten zu decken. Ich verkaufe einfach nicht mehr. Und ich habe auch keine Energie in die Kamera zu sprechen und Menschen aufzubauen, zu halten.
Wie auch? Wie soll ich die Energie von Hoffnung und Mut verkörpern, wenn ich selbst gerade auf der Frequenz von Scham und Schuld schwinge?

Ich muss mich dringend wieder auf die Frequenz der Selbstliebe anheben. Gleichzeitig weiss ich, dass dies gerade eine Intergrationszeit ist, die auch für mich sehr wichtig ist. Es ist gerade mal 2 Wochen her, dass James und ich zuletzt Kontakt hatten, uns geliebt haben, in den Armen lagen, Sex hatten.
Danach brach in den Kontakt abrupt ab, blockierte ihn überall. Ich wusste, es muss aufhören, bevor alles schlimmer würde. Und es ist ok ihn loszuassen.
Aber es ist nicht ok mich loszulassen. Ich muss nicht ihn verarbeiten. Ich muss mich verarbeiten. Ich muss zurück in meine Kraft kommen. Zurück auf meinen Weg.
Aber mich befinde ich mich in einer Art Vakuum. Ich weiss noch nicht, wohin mich dieses ganze Erlebnis bringt. Ich weiss nur, ich kann nicht stehen bleiben. Denn Stillstand ist Tot. Und an manchen Tagen fühlt es sich genau danach an.
Es fühlt sich nach Leere an. Gleichzeitig ist da so viel Scham, so viel Selbstverurteilung, Hilflosigkeit, Ohnmacht. An anderen Tagen ist da Vertrauen, Liebe, Dankbarkeit. Vor allem wenn meine Tochter bei mir ist. Ihr Lachen, ihre Wärme, ihr Strahlen. All das lässt mich hoffen. Darauf, dass ich daran wachse. Darauf, dass sich der richtige Weg noch vor mir entfalten wird. Darauf, dass ich finanziell durch dieses Tief kommen werde. Darauf, dass ich überlebe.