Das Thema James hat sich gesetzt. Bzw. hat es sich geklärt. Wir haben keinen Kontakt mehr. Ich denke noch oft an ihn, aber ich habe kein Bedürfnis ihn zu sehen. Manchmal frage ich mich, ob er mich noch vermisst, aber das ist eher mein Ego, dass gerne Bestätigung hätte, dass das alles tief war und er mich nicht einfach vergessen hat. Totaler Non-Sense. Wieso soll er mich vermissen, wenn ich es nicht tue.
Ich weiss auch, dass er mich nicht mehr vermisst, als ich ihn. Dass er sich auf sich selbst konzentriert und loslässt. Und so soll es auch sein.
Für mehr war das alles nie bestimmt.
Nun dreht sich alles um meine Arbeit und hier merke ich heute: Ich durchlebe mein Kindheitstrauma.
Meine Arbeit ist zur Schule geworden, in der ich mich beweisen und behaupten muss. Ich traue mich nicht mit meiner Mutter darüber zu sprechen, in welcher finanziellem Misere ich spreche, weil sie mich abwerten und „schimpfen“ würde. Ironischerweise würde sie das tatsächlich. Weil auch in ihren Augen dieses Kindheitstrauma weitergeht: In ihren Augen habe ich versagt und bin nicht gut genug, weil ich gerade ein Tief in meiner Selbständigkeit erlebe. Was vorher war, zählt dann auch nicht mehr.
Wie früher: Gute Noten in der Grundschule, aber Mobbing – egal. Hauptsache gute Noten in der Schule. Interessiert keinen, dass ich angefangen habe Masken zu tragen, um von anderen gemocht zu werden.
Dann das Tief in der Pubertät: Keine Ahnung mehr wer ich wirklich bin, weil diese ganzen Masken alles verdecken was an Persönlichkeit da ist. Keine Kraft mehr auf den Kampf in der Schule, keine Lust mehr überhaupt die ganze Zeit nur noch zu kämpfen.
Wieso soll das ganze Leben nur ein Kampf sein?
Wieso darf ich nicht einfach nur machen, was ich will?
Also fängt Rebellion an. Auf Grund all der Masken, weiss ich ja gar nicht mehr, was ich eigentlich machen will. Also schliesse ich mich der Schulschwänzer-Gang an. Wir laufen durch die Stadt, hängen ab, rauchen. Sind cool. Rebellisch. Egal was, hauptsache nicht mehr zur Schule gehen.
Das geht sicher ein Jahr lang so. Hin und wieder gehen wir zur Schule. Schreiben sogar irgendwelche Prüfungen. Aber das Schulzeugnis Ist so schlecht, dass ich die 7. Klasse wiederholen muss. Meine Mutter rastet aus. Das ist für sie nicht akzeptabel. Ich beginne immer weniger nach Hause zu gehen. Ich hasse es nach Hause zu gehen, ich schlafe immer mehr bei Freundinnen. Zu Hause nur Ärger, streit, Prügel. Damals bin ich schon etwa 14 Jahre alt. Manchmal fühle ich mich wie eine Obdachlose, die von Sofa zu Sofa zieht. Von Freundin zu Freundin. Von Rausch zu Rausch. In der neuen 7. Klasse eine neue Klassenlehrerin, die das Schwänzen nicht mehr zulässt und meine Mutter informiert. Alles fliegt auf, alles eskaliert. Ich will nur noch weniger nach Hause. Ich habe quasi kein zu Hause mehr. Dabei bin ich irgendwie doch noch ein Kind. Niemand versteht mich. Eine Mutter, die mich verabscheut. Ein Bruder, der sich nicht wirklich für mich interessiert, weil er selbst gerade mal 18 ist. Ein Vater der verstroben ist. Er fehlt mir so sehr in dieser Zeit. Er fehlt mir immer, aber in dieser Zeit besonders. Immer wenn das Leben schmerzt, fehlt er mir besonders.
Von aussen wirke ich auf alle wie das assoziale Mädchen. Abstossend. Ungebändigt. Unerzogen. Passt überhaupt nicht in das gesellschaftliche Bild.
Innerlich stehe ich in Flammen. Ein Schmerz so gross, dass er sich wie Leere anfühlt. Eine Angst so lähmend, dass jeglicher Sinn und jegliche Freude am Leben verloren geht. Ausser die Momente Im Rausch von Marihuana mit Freunden, die Momente in denen wir lachen, vergessen und uns in Jungs verlieben. Das Gefühl des Verliebens wird zur Droge. Sobald der Rausch endet, ein neuer Schultag beginnt, beginnt die Hölle erneut. Ich gehe zur Schule, weil mir sonst gedroht wird mit rechtlichen Konsequenzen (weil Schulpflicht und so). Aber das fühlt sich nur noch nach Gefängnis an.
Die eine Mutter meiner Freundin begegnet mir mit Liebe. Sie ist Tierärztin, sie haben Pferde, wir reiten. Irgendwie schafft sie es, mich anders anzusehen, als all die anderen. Irgendwie schafft sie es, mich zu lieben. Mich, die jenige, die sich als überhaupt nicht mehr liebenswert fühlt. Und doch in mir wusste ich immer, dass sich das alles nicht gerecht anfühlt. Ich sehnte mich so sehr nach einer Mutter wie die Tierärztin. Ich beginne dort zu arbeiten, ind er Tieraztpraxis. Bei der Freundin zu schlafen, so oft wie möglich. Wie oft wünsche ich mir, dass dies mein zu Hause wäre, dass diese Mutter, meine eigene Mutter wäre. Ein warmes zu Hause, wo sich jemand für mich interessier. Jemand fragt mich, wie es mir geht. Will meine Geschichte hören. Schenkt mir Verständnis und Mitgefühl. Das war so neu für mich und gab mir eine Art Hoffnungsschimmer, dass ich vielleicht doch kein assozialer Penner bin, sondern ein Mädchen mit Gefühlen, ein sogar sehr intelligentes Mädchen, mit einem unfassbar grossem Herzen für Tiere. Ein Mädchen, dass sich so sehr nach Liebe sehnt, dass sie diese überall in sich aufsaugt, wo sie auch nur einen kleinen Funken davon bekommt. Tiere werden zu den Hauptverbündeten.
Diese schreckliche Zeit der Einsamkeit und des Rausches, diese dunkele Phase meines Lebens, sie begann mit 12 Jahren, als mein Vater starb und endete mit etwa 16 Jahren, als ich auf eine neue Schule kam, wo ich Herrn Steingrobe begegnete. Ein Lehrer, ein Mensch, der so unglaublich viel in mir sah und mir mit Liebe, Mitgefühl und einer so hohen Portion an Glaube an mich und mein Potenzial begegnete, dass ich nicht anders konnte, als wieder an mich selbst zu glauben, Er tat es, jeden Tag. Jeden Tag kam ich zur Schule, er holte mich ein sein Direktorenbüro, hörte sich jeden Tag meine Geschichte an. Hörte zu. Lies mich weinen. Und versicherte mir jeden Tag auf’s Neue, dass all diese Menschen, diese Erwachsenen, inklusive meiner eigenen Mutter Unrecht hatten. Ich weiss nicht, wieso er das tat. Er tat das mit sonst niemadem in der Schule. Er war der Direktor und mein Klassenlehrer zugleich. Er feierte mich wie ein Swiftie Taylor feiert. Im Klassenzimmer jubelte er bei jedem Vortrag, bei allem was ich sagte, als hätte sein Lieblingsverein ein Tor geschossen. Er hob mich auf ein Podest. Er ernannte mich zur Schulsprecherin ohne Wahlen. Doch irgendwie tat er das nicht so, dass die anderen Kinder mich beneideten. Er war zu allen Schülern sehr nett. Er war unser aller grösster Fan. Und doch holte er mich jeden Tag zur Therapiestunde in sein Büro. Er fragte wie mein Tag war. Wie die Beziehung zu meinem ersten Freund so lief, ob er nett zu mir sei. Wie es zu Hause lief. Wie es mit meinen Freunden lief. Was meine Gedanken waren. Wie ich mich fühlte.
Er war mein Retter. Dank ihm ging ich wieder gerne zur Schule. Die anderen Kinder bzw. Jugendlichen waren zum ersten Mal in meinem Leben alle nett zu mir. Ich war kein Aussenseiter mehr, vielmehr wurde ich plötzlich gefeiert. Meine Noten wurden besser, ich liebte es für die Schule zu lernen. Ich wurde so gut, dass ich die neunte Klasse übersprang und in die 10. hochgestuft wurde, wo Herr Steingrobe mein Klassenlehrer wurde. Ich schloss die 10. Klasse ab mit dem besten Zeugnis der ganzen Schule der letzten 9 Jahre. Nur 1. auf dem ganzen Zeugnis, eine einzige 2.
Da ich einen Freund hatte, mit dem ich nun jeden Tag verbrachte, entfernte ich mich aus der Kiffer-Gang. Bei meinem Freund fand ich ein neues zu Hause. Seine Eltern und Schwester, selbst seine Grosseltern, Onkel und Tanten, sie wurden zu meiner Familie. EIne Familie, die ständig zusammen war. Im Garten, auf Festen, im Urlaub. Ich wurde eine von ihnen. Sie liebten mich wie ihre eigene Tochter. Ich konnte mit allem zu ihnen kommen. Irgendwann durfte ich sogar dort übernachten, ich schlief dort, ass dort, lachte dort, lernte dort für die Schule. Es war so warm, so herzlich. Natürlich hatten auch sie ihre familiären Probleme. Aber niemand wurde ausgeschlossen, niemand wurde verachtet.
Ich denke nicht, dass Herrn Steingrobe und der Familie meines Ex-Freundes bewusst ist, dass sie mich gerettet haben. Mir war es damals nicht einmal selbst bewusst. Ich habe zwar schon immer tiefe Dankbarkeit gefühlt ihnen gegenüber, aber ich war damals noch nicht so reflektiert meinem Leben und inneren Prozessen gegenüber.
Das Verhältnis zu meiner Mutter wurde besser. Schliesslich hatte ich ja wieder gute Noten und das machte mich in ihren Augen wieder liebenswerter.
Doch was hat das alles mit jetzt zu tun? Warum kam mir diese Erinnerung an diese Zeit heute wieder hoch? Weil es sich für mich anfühlt, als wäre ich zu dieser Zeit zurück katapultiert worden.
Einsamkeit. Mangelnder Selbstwert. Das Gefühl versagt zu haben. Das Gefühl, so viele Masken getragen zu haben, dass ich nicht mehr weiss, was mich wirklich ausmacht.
Damals kamen diese Menschen einfach in mein Leben. Heute ist es nur meine eigene Tochter, die an mich glaubt und mich bedingungslos liebt.
Ein Anteil in mir, der Anteil, den ich Sophie nenne, hängt noch immer in dieser Zeit fest. Wann immer ich sie in meinem inneren Garten aufsuche, weint sie bitterlich. Sieht sich als Opfer des Lebens, sieht das Leben und die Menschen darin als ungerecht. Sie hat keinerlei Motivation irgendetwas zu tun, ausser sich im Bett zu verkriechen und bitterlich zu weinen.
Einerseits will ich alles geben, um mein Business voranzutreiben und ich weiss, dass ich alles habe, was es dafür braucht. Ich weiss, dass ich sehr intelligent bin, dass ich das schaffe. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich in meinem Business wieder erfolgreich werde, sogar noch 100 Mal erfolgreicher, als ich es bisher war. Das weiss ich und meine Intuition bestätigt mir das.
Gleichzeitig fühlt es sich an, als müsste ich jetzt so hart daran arbeiten, als würde das meine Mutter oder irgendein Lehrer von mir verlangen und dieser Sophie Anteil in mir kann das einfach nicht mehr. Sie lähmt mich richtig.
Irgendwie muss ich Sophie, meinem traumatisierten Anteil von damals, beibringen, dass wir nicht mehr in der Vergangenheit leben. Dass diese Zeit nun vorbei ist. Dass unsere Arbeit keine Schule ist, kein test, nichts worin wir uns und unseren Selbstwert beweisen müssen. Dass meine Arbeit etwas ist, was ich liebe und für mich tue und nicht für irgendwen anderes. Dass das alles keine Prüfung ist in der wir beweisen müssen, ob ich gut genug oder liebenswert bin. Sondern dass es mein Herz glücklich macht, Eltern und Kindern zu helfen. Wie damals in der Tierarztpraxis, wo ich mit Tieren arbeiten durfte. Kinder liebe ich nämlich genauso sehr wie Tiere.
Nur, dass wir es dieses Mal ohne Herrn Steingrobe schaffen müssen. Und dass wir uns dieses Mal nicht vor meiner Mutter rechtfertigen müssen. Wir müssen ihr nicht einmal etwas von all dem erzählen. Verstehen würde sie es eh nicht. Und ich muss auch gar nicht von ihr gesehen oder gelobt werden. Es reicht wenn ich mich selbst sehe und lobe.
Da müssen wir hinkommen.